Sonntag, 8. Juni 2014
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“Drei” scheißt auf die Netzneutralität und Österreich freut sich darüber
Fehlendes Bewusstsein für Netzneutralität vereinfacht den Weg zum Netzneutralitäts-Verstoß
 Allgemein, Netzpolitik, Web
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Täglich grüßt die Netzneutralität. Während sich die Thematik mit dem Beschluss im EU Parlament, sowie der amerikanischen Debatte rund um die FCC mittlerweile zu einem Langzeitbegleiter der internationalen Tech-News-Welt gewandelt hat, schleicht sich in Österreich abermals unauffällig ein Fall der Netzneutralitätsverletzung ein. Einer der größten österreichischen Mobilfunkanbieter “3″, der erst im Vorjahr den Konkurrenten “Orange” aufgekauft hat, kündigte nun an ein Spotify-Zusatzupaket anzubieten. Das 9,99€ teure Zusatzpaket bietet preislich keinen Vorteil gegenüber dem Aboabschluss direkt bei Spotify, kann allerdings im direkten Vergleich den Trumpf des nicht eingerechneten Datenvolumens von Spotify spielen. Sprich wer Spotify über die Zusatzpaketoption erwirbt, wird nicht mit dem Problem des schnell durch Musikstreaming aufgebrauchten begrenzten Datenfreivolumens konfrontiert.

Kurzfristig gesehen ist das eine gute Sachen für den Kunden. Langfristig gesehen führt es allerdings zu einer Monopolisierung des Markets und lässt die Chancen des Erfolgs für StartUps und innovativen neuen Geschäftsideen massiv schrumpfen. Sollte dieses “machen wir einen Vertrag und dann bevorzugt ihr unseren Traffic” Usus werden, könnte das massive Auswirkungen auf die Weiterentwicklung des Marktes haben, vor allem auf jene Bereiche die auf große Datenmengen angewiesen sind. Wenn ich hier von “Auswirkungen auf die Weiterentwicklung” rede, sind das offensichtlich keine positiven Auswirkungen.

Für den Mobilfunker stellt der Deal natürlich keine Verletzung der Netzneutralität dar. Daten werden ja nicht bevorzugt behandelt, heißt es zumindest von der Seite 3 Österreichs. Wenn man sich so durch den Twitteraccount der beschuldigten Partei klickt erlebt man Abenteuerliches.

 

 

 

 

Hier wird auch des Öfteren mit eigenen Services, wie 3Mobile TV argumentiert, welche schon lange eine Bevorzugung genießen. Dies wäre eventuell eine andere Diskussion die wir führen müssten, aber es ist eine andere Diskussion. Providereigene Dienste sind nur für die eigenen Kunden zugänglich und dienen als Lockangebote. Üblicherweise nehmen sie nicht allzu massiven Einfluss auf die “Konkurrenz”. Im Zweifel ist aber auch das ein Verstoß gegen die Netzneutralität, was dieses absurde Argument endgültig disqualifiziert.

Was ist es vor dem sich Netzaktivisten eigentlich fürchten? Es ist nicht der Status Quo, es ist nicht der absehbare zukünftige Status. Auch wenn das schon schlimm genug ist, die Motivation der Bewegung für Netzneutralität findet ihren Uhrsprung in den düsteren, langfristigen Zukunftsprognosen die durch die menschliche Veranlagung des Vergessens und der Verharmlosung vergangener Ereignisse geschürt werden. Sollten Internet Service Provider (kurz ISPs) mit Vorhaben wie diesen ohne großen Schaden davonkommen, werden sie versuchen noch einen Schritt weiter zu gehen. Und noch einen Schritt. Und noch einen Schritt. Durch diese geplante Verlangsamung wird es nicht so stark wargenommen, dennoch könnte sich das Internet zu einem, durch den Einfluss der unverhältnismäßig viel Macht zuteilgewordenen ISPs, immer mehr regulierten Netzwerk entwickeln, bei welchem die kommerziellen Interessen eben jener höchste Priorität genießen.

Wie könnte sowas aussehen? Sagen wir z.B. mit deinem Standard-Internetpaket kannst du nur mehr Wikipedia, Facebook, Youtube, Google, Twitter und Blogger nutzen. Die dafür uneingeschränkt. Den Anfang könnte dann ein gewisser beschränkter Traffic für “das restliche Internet” machen, bis wir langsam zu einer “Roaminggebühr” übergehen, die bezahlt werden muss wenn Internetangebote außerhalb des eigenen Vertrages in Anspruch genommen werden. Wer dann “Internet XL”, “Internet XXL” oder “Internet Unlimited” haben will muss auf einen höherpreisigen Tarif umsteigen. Übrigens die Drei-Argumente gelten noch immer: Von der Geschwindigkeit her werden keine Pakete bevorzugt (was sich als die 3-sche Definition von Netzneutralität herausstellen dürfte) und sowieso sind das Kommerzielle Näheverhältnisse zwischen Unternehmen, wie es sie schon immer gegeben hat.

 

Copyright: Free Press Pics on Flickr https://secure.flickr.com/photos/freepress/7362006206

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Für die ISPs ist dies natürlich ein Schlaraffenland. Sie genießen nicht nur die Kontrolle über die Wissensbeschaffungsquelle Nummer 1, sie können auch doppelt abkassieren. Einerseits von den Anbietern, die sie bevorzugt behandeln und andererseits von den Kunden, die mehr wollen als nur Facebook, Twitter und Google.

Warum ist das “wir machen doch nur kommerzielle Deals”-Argument ungültig? Internetprovider sind anders als normale privatwirtschaftliche Unternehmen. Sie bieten Services für die Allgemeinheit an. Das Internet entwickelt sich zu einer Selbstverständlichkeit, vergleichbar mit einem Stromanschluss oder bis vor einigen Jahren einem Telefonanschluss. Was in den USA gerne als “Common Carrier” bezeichnet wird, will die Unversehrtheit der Daten und die einfache zur Verfügungstellung des Zuganges ohne Regulierungen und Einschreitungen des Providers beschreiben. Im CGP Grey Video zu Netzneutralität gebraucht eben jener die Methapher der Elektrizität, welche in meinem persönlichen Ranking bisher unangefochten an der Spitze der Netzneutralitäts-Metaphern steht. Allerdings hat auch sie (wie alle anderen Metaphern, denn es sind nunmal Metaphern) ihre Schwächen, denn bei Elektrizität gibt es für den Provider schlichtweg nicht die Möglichkeit zu erkennen, wofür der Strom verwendet wird (könnte sich aber auch mit Home-Automatation und Smart-Metern ändern).

Interessant ist, dass Spotify und Drei es nichtmal geschafft haben ein wirklich attraktives Angebot zu schnüren. Reduzierung des monatlichen Preises gibt es keinen, lediglich der Traffic über Spotify wird anders behandelt. Ob sich dieser Weg als richtige Strategie für einen Kundenzuwachs auf beiden Vertragspartnerseiten erweisen wird, bleibt abzuwarten. Was aber jetzt wohl schon traurige Gewissheit herausstellt, ist das verschwindend geringe Interesse an der Umgangsweise Dreis mit der Netzneutralität. Die Aufregung über das schwer erklärbare und für Laien auch schwer verständliche Problem, stößt im ersten Moment oft auf Unverständnis. Trotzdem darf man nicht aufhören, denn mit jedem “Netzneutralitäts-Aufgeklärten” wächst die Masse der kritischen Kunden und damit auch die Chance, einer besseren Zukunft für das Internet.

PS.: Liebes 3-Social-Media-Team. “Datenautobahn” ist sowas von 2010.

Bild: by Mangrove Mike on Flickr

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